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Was versteht man unter Aggression?

Aggression nach dem lat. Verb “aggredere”, bedeutet einerseits “herangehen”, andererseits “angreifen”. Ersteres beschreibt eine Kraft, die für etwas oder jemanden eingesetzt wird, eine aktive Herangehensweise, die nicht dazu dient andere Menschen zu verletzen, sondern ein biologischer Mechanismus ist, um sich zu verteidigen. Während dieser Aspekt der Aggression eher positiv besetzt ist, hat die zweite Bedeutung eher negativen Charakter.

Angriff (egal ob verbal oder körperlich), ist absichtlich feindseliges Verhalten, das darauf abzielt, andere (in manchen Fällen auch sich selbst) Schaden zuzufügen.
Die folgenden Ausführungen zu Aggression betreffen diese immer im Sinne des “Angriffs”.

Wie entstehen Aggressionen?

Modell: Entstehung von Aggressionen

Dieses Modell soll die Entstehung von Aggressionen verdeutlichen.

Bei jungen Menschen brechen Aggressionen selten ganz plötzlich aus, sie spitzen sich zu. Meistens ist es eine auslösende Interaktion mit anderen oder der Umwelt, die den jungen Menschen vom Normalzustand in eine von aggressiven Gefühlen begleitete Situation bringt. In der Eskalationsphase gerät der junge Mensch mehr und mehr aus dem Gleichgewicht, ist sehr angespannt, wirkt aufgeregt und beginnt die Kontrolle zu verlieren. Daraufhin folgt evtl. ein Ausbruch von Aggression.
Zu beachten ist, dass Aggressionen nicht zwangsläufig zum Ausbruch kommen müssen. Je nachdem wie mit aggressiven Gefühlen umgegangen wird, kann auch ein Auslöser oder eine aggressive Anspannung sinnvoll kompensiert werden, so dass junge Menschen zu normalen Verhalten zurückkehren können. (vgl. auch Umgang mit Aggressionen)

Wie zeigen sich Aggressionen?

Mit aggressivem Verhalten ist nicht nur körperliche Aggression gemeint z.B. schlagen, treten o.ä., Aggressionen können sich vielfach äußern.

Man unterscheidet nach:
  • Offen gezeigten Aggressionen, die beobachtbar sind
  • Verdeckte Aggressionen, z.B. Gerüchte in die Welt setzen
  • Körperliche Aggressionen, z.B. Schlagen, Treten, Boxen
  • Verbale Aggressionen, wie Schimpfen, Anschreien
  • Indirekte Aggressionen, d.h. etwas zu tun, was nicht mit direkten Angriffen zu tun hat, aber die geschädigte Person trifft, z.B. Bestehlen, Zerstören, Verleumden
  • Nach innen gerichtet Aggressionen (Autoaggressionen), z.B. Nägel kauen, Selbstverletzendes Verhalten (SVV), Haare ausreißen, mit dem Kopf gegen die Wand schlagen
  • Gesellschaftlich gebilligte und akzeptierte Aggressionen (Aggression als Verteidigung), z.B. Kampfhandlungen im Krieg, Handlungen in Notwehr
  • Dissoziale Aggressionen, d.h. gesellschaftlich mißbilligte Aggressionen, für die Bestrafung gefordert wird, z.B. Mord und Todschlag, Zerstören von Eigentum, Folter
Die einzelnen Formen von Aggressionen können kombiniert auftreten, z.B. kann eine offene Aggression gleichzeitig eine körperliche und gesellschaftlich gebilligte Aggression sein.

Wie kann man mit Aggressionen umgehen?

  • Versuchen, Kontrolle über Aggression zu bekommen und verschiedene Problemlösungstechniken ausprobieren
  • Fähigkeiten zur Einschätzung von Situationen anwenden
  • Versuchen, Selbstsicherheit auszubauen und sich selbst vor anderen zu behaupten
  • Sich selber kontrollieren, um schädigende Aggressionen zu vermeiden
  • Möglichkeiten finden, kooperativ mit anderen umzugehen
  • Wissen, welches Verhalten zu welcher Konsequenz führt
  • Aktivitäten suchen, bei denen man sich abreagieren kann
  • Hilfe auch bei anderen suchen (Eltern, Freunde, Beratungsstelle, Therapie)
Dies alles sind Punkte wie man lernen kann mit Aggression angemessen umzugehen. Die Unterstützung von Jugendlichen durch ihre Bezugspersonen (Eltern, Freunde, Lehrer usw.) ist hierbei von besonderer Bedeutung.

Welche Unterschiede gibt es zwischen Mädchen und Jungen?

Von Grund aus wird davon ausgegangen, dass Mädchen von Natur aus nicht weniger aggressiv sind als Jungen, sie äußern ihre Aggression nur anders. Aggression ist ein Energiepotential, das zur Grundausstattung der menschlichen Gefühle gehört und erst im Laufe der Sozialisation geformt wird. Sozialisation ist ein lebenslanger Prozess, in dem individuelle Verhaltensmuster, Werte, Maßstäbe, Fähigkeiten und Motive in der Auseinandersetzung mit den entsprechenden Rollenerwartungen der Gesellschaft entstehen. Entscheidend ist am Sozialisationsprozess, dass er nie geschlechtunabhängig von statten geht. Der Umgang mit aggressiven Impulsen wie Wut, Ärger, Hass, Zorn, o.ä. wird besonders durch die Sozialisationsbedingungen geprägt.

Wohl unterliegen traditionelle Rollenmuster derzeit einem gesellschaftlichen Wandel, doch wird in der Sozialisation von Jungen Aggression und Aggressionsausbrüche nach wie vor mehr geduldet, als bei Mädchen.

Wie zeigen Mädchen ihre aggressiven Gefühle?

Mädchen haben jedoch wie Jungen ebenfalls aggressive Gefühle. Die Möglichkeit ihre Aggression auszuleben wird den Mädchen jedoch durch eine sie sanktionierende Umwelt abgewöhnt (“Mädchen dürfen sich nicht raufen!”). Manche Mädchen entscheiden sich nun auf Dauer dafür keine “schlechten” Gefühle zu zeigen, weil sie Angst davor haben, die Liebe der Mutter oder anderer wichtiger Bezugspersonen zu verlieren. Konsequenz daraus ist, dass Mädchen (und Frauen) aggressive Gefühle häufig nicht gegen andere, sondern gegen das eigene Selbst richten.

Sie greifen zu unauffälligen Konfliktlösungsstrategien, bei denen sie ihre Aggression unbewusst gegen den eigenen Körper richten, z.B. Krankheit, Depression, Alkohol-, Drogen- und Medikamentenabhängigkeit, Magersucht, Bulimie, Suizidversuche und Autoaggressionen.

Wo ist Selbstverletzendes Verhalten (SVV) einzuordnen?

Da wir BeraterInnen von “U25” in der E-Mail Beratung sehr häufig mit KlientInnen zu tun haben, die Selbstverletzendes Verhalten zeigen, möchte ich auf diese Form der Aggression extra eingehen.
Auf Ausführungen zum Thema “Umgang mit SVV” möchte ich verzichten, da es den Rahmen des Artikels sprengen würde (z.T. sind jedoch die Punkte zum allgemeinen ”Umgang mit Aggression” auf den “Umgang mit SVV” übertragbar).

Was ist SVV?

Menschen die SVV aufweisen, können häufig mit ihren Gefühlen nicht umgehen und neigen zu leichter Aggressivität. Sie werden von ständigen Angst- und Ärgergefühlen begleitet; obwohl sie in der Gesellschaft oft nicht unauffällig, scheu oder schüchtern sind, fühlen sie sich selbst als Aussenseiter. Diese langanhaltende Stimmung steigert sich langsam und führt zur Selbstverletzung, mit der sie sich Erleichterung verschaffen. Oft läuft SVV nur ”halb-bewusst” ab. Die Betroffenen wissen, was sie tun, aber stehen unter einem Zwang, bzw. zeigen suchtähnliches Verhalten.
SVV erfüllt für die Betroffenen mehrere Zwecke: Sie erleichtern sich von ihrer Anspannung, spüren sich selbst, lenken sich ab, gewinnen Aufmerksamkeit und Kontrolle über sich und andere, was ihr mangelndes Selbstvertrauen erhöht.

Wieviele sind von SVV betroffen?

Genaue Zahlen, wieviele Menschen sich in Deutschland selbstverletzen, gibt es nicht, nach Schätzungen sind es ca. 800.000 Mädchen, mit Sicherheit sind es aber mehr. Daten über Jungen gibt es kaum, die Zahl wird aber deutlich geringer eingestuft. Das Verhältnis weiblich/männliche Betroffene schwankt von 2:1 bis 9:1.
SVV tritt zumeist zwischen der Pubertät und dem frühen Erwachsenenalter auf (also ca. 16 und 26 Jahren), es kann aber auch zu früherem Auftreten kommen.
Das sich hauptsächlich Mädchen selbst verletzen wird darauf zurückgeführt, dass sie, im Gegensatz zu den Jungen, nach gesellschaftlichen Normen ihre Aggressionen weniger ausleben dürfen. Während Jungen eher fremdaggressiv agieren, richten Mädchen ihre Aggression nach innen.

Wo kann ich noch mehr über die Themen Aggressionen und SVV erfahren?

Thema Aggression:

Ratgeber aggressives Verhalten
Informationen für Betroffene, Eltern, Lehrer und Erzieher
Franz Petermann, Manfred Döpfner und Martin H. Schmidt.
Göttingen; Bern : Hogrefe, 2001. - 39 S.
ISBN 3-8017-1452-7

Aggressives Verhalten von Jungen und Mädchen
von Herbert Scheithauer
Göttingen ; Bern : Hogrefe, 2003. - 278 S.
ISBN 3-8017-1669-4

Thema SVV:

Rote Linien
Roman für Jugendliche ab 13 J.
von Brigitte Blobel
Würzburg: Arena, 2001. - 208 S.
ISBN 3401027034

www.rotetraenen.de

www.rotelinien.de

www.schulpsychologie.at/krisen/selbstverl.htm

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